Aktuelles zur Energiewende
11.03.2026 Professor Volker Quaschning zur Kehrtwende bei Kernenergie
EU-Kommissionspräsidentin von der Leyen hat die Abkehr von der Atomenergie als Fehler bezeichnet. Experte Quaschning sieht das anders: "Wir können in Deutschland eigentlich gar keine Kernkraftwerke mehr sinnvoll ins Netz integrieren."
Die EU macht eine Kehrtwende und setzt wieder auf Atomenergie. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen bezeichnete die Abkehr in Europa als "strategischen Fehler" - auch angesichts des Krieges in Nahost.Volker Quaschning, Professor für Regenerative Energiesysteme an der HTW Berlin, hält den Ausstieg Deutschlands aus der Kernenergie hingegen für folgerichtig und konsequent. "Die Technologie ist sehr teuer und riskant", sagt er im Interview mit tagesschau24. "Diese Suggestion, dass wir jetzt eine große Renaissance der Kernenergie haben, das ist ja gar nicht der Fall."Die sechs Kernkraftwerke, über in Deutschland am Ende noch gestritten wurde, hatten laut Quaschning nur einen Anteil von drei Prozent am Gesamtenergieaufkommen. "Diese drei Prozent würden uns bei der aktuellen Öl- und Gaskrise kein bisschen weiterhelfen." Um einen nennenswerten Anteil zu erreichen, müssten ihm zufolge in Deutschland 50 bis 100 neue Kernkraftwerke gebaut werden. "Da möchte ich den oder die Politikerin mal sehen, die in die Landkreise fahren und das vor Ort vermitteln. Das ist eine reine Illusion."
Selbst Frankreich, das Atomenergie-Bestreben in der EU maßgeblich mit vorantreibt, habe "kein wirkliches Konzept". Über 50 Reaktoren seien schon 40 Jahre alt, nun sei der Bau von sechs Kernreaktoren bis 2038 geplant. Aber Quaschning sagt: "Man weiß gar nicht, wie man die restlichen ersetzen will."Die EU will deshalb nun Mini-Atomreaktoren fördern, die in großen Stückzahlen günstiger werden sollen. Aber Quaschning ist skeptisch: "Die Kernenergie ist heute dreimal so teuer wie Solar- und Windenergie. Warum sollte das bei kleineren Reaktoren funktionieren, da sehe ich keine großen Kostenvorteile."
Kernkraftwerke liefern rund um die Uhr Strom - würden sie also tagsüber betrieben, "müssten wir die Solarenergie abregeln", so der Experte. "Das sind also die technologisch vollkommen falschen Anlagen." Nach der Meinung des Professors ist ein sinnvoller Schritt stattdessen die Weiterentwicklung von Speichern, um überschüssige Solarenergie aus dem Tag in die Nacht zu bringen.Quaschning sieht deshalb einen "point of no return" erreicht: "Das heißt, wir können in Deutschland eigentlich gar keine Kernkraftwerke mehr sinnvoll ins Netz integrieren."
Volker Quaschning ist ein deutscher Ingenieurwissenschaftler und Professor für Regenerative Energiesysteme an der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Berlin