
Aktuelles zur Energiewende
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25 Jahre Kampfgeist – und ein Professor, der erzählt
Dr. Michael Sterner hielt Festvortrag anlässlich 25-jährigen Bestehens der „Plattform für Energiewende und gegen Atomgefahr“
Der PNP-Bericht vom 11.06.2026 von Helmuth Rücker
Als der Verein im November 2000 gegründet wurde, wollte er ein Atomkraftwerk in Temelín verhindern – gerade einmal 100 Kilometer von Passau entfernt. Heute blickt Gründungsmitglied Gerhard Albrecht auf diese Zeit mit einer Mischung aus Stolz und Selbstironie zurück: „Was für eine Wahnsinnsidee. Als ob man als Bayer im Nachbarland ein Atomkraftwerk verhindern könnte.“ 25 Jahre später ist aus der Anti-Atom-Initiative längst eine Bewegung für die Energiewende geworden, daher auch der Namenswechsel hin zu „Plattform für Energiewende und gegen Atomgefahr“. Gefeiert wurde das Jubiläum am Dienstagabend im Gasthaus Knott in Jacking – und zwar mit vollem Haus. Sehr vollem Haus. Rund 240 Besucher drängten sich in den Saal. Viele Vereinsmitglieder waren gekommen, dazu Politiker, Umweltaktivisten, ehemalige Lehrer des Referenten, zahlreiche Frauen und Männer aus der Region sowie Menschen, die sich für Energie- und Klimafragen interessieren. Im Mittelpunkt des Abends stand Prof. Dr. Michael Sterner, 48 Jahre alt, Energiespeicher- und Energiesystemexperte, Regierungsberater, Buchautor und gebürtiger Bayerwaldler. Sein Buch „So retten wir das Klima“ gab den Titel der Veranstaltung vor.
Gerhard Albrecht (l.) war froh und stolz, Prof. Michael Sterner für den Festvortrag gewonnen zu haben. Sein SpiegelBestseller „So retten wir das Klima“ war gleichzeitig das Thema des Abends. Nebenbei gingen zwei Kisten Bücher über den Verkaufstisch
Vom Hauptschüler zum Spiegel-Bestsellerautor
Wer allerdings einen klassischen Fachvortrag erwartete, musste sich umstellen. Sterner lieferte Tiefenbach keinen nüchternen Wissenschaftsabend, sondern eine Mischung aus Heimatabend, Lebensgeschichte, Kabarett, politischer Rede und Energievorlesung. Allein über seine Kindheit und Jugend erzählte er eine halbe Stunde. Lebendig schilderte er seine Zeit auf dem Bauernhof, erzählte von einem Deutschlehrer, der ihm den Wechsel zurück auf die Hauptschule nahelegte. Das Abitur schloss Sterner mit 1,1 ab. Die einzige 2 stand im Fach Deutsch. Heute ist er Spiegel-Bestsellerautor. „So schlecht kann mein Deutsch dann doch nicht gewesen sein“, bemerkte er trocken – und erntete Gelächter. Nach einer Ausbildung zum Elektriker führte ihn sein Weg unter anderem nach Afrika, Spanien, Indien und Hessen. Besonders die zwei Jahre Missionsarbeit in Afrika hätten ihn geprägt. Dort habe er gelernt, wie privilegiert das Leben in Niederbayern sei. Mit 33 Jahren wurde er Professor in Regensburg. Seine Botschaft an Lehrer war eindeutig: „Passt auf mit euren Urteilen über Kinder. Die können ein Leben lang nachwirken.“ Lieber fördern als vorschnell abstempeln.
Ein Kämpfer würdigt andere Kämpfer
Gerhard Albrecht, der die Plattform seit Jahrzehnten prägt und mit unzähligen Aktionen und Leserbriefen am Leben hält, hatte ausdrücklich keinen trockenen Wissenschaftsvortrag gewollt. Das bekam er. Sterner sprach konsequent im Dialekt. Er lobte den Verein und zeigte sich „sakrisch“ erfreut über den großen Zuspruch. „Respekt, dass sich so viele Menschen engagieren“, sagte er. Der Applaus zeigte: Die Botschaft kam an.
Gegen Atomkraft, gegen Abhängigkeiten
Erst nach den autobiografischen Passagen näherte sich Sterner seinem eigentlichen Thema. Der Krieg im Nahen Osten, die Angriffe auf Energieanlagen und die Unsicherheit auf den Weltmärkten seien Beispiele dafür, wie abhängig Europa von fossilen Energieträgern sei. „Es hängt alles miteinander zusammen“, sagte er. Früher habe Deutschland am „Tropf der Russen“ gehangen, heute teilweise am „Tropf der Amerikaner“. Die Antwort darauf seien regionale erneuerbare Energien. „Solar- und Windenergie sind die Freiheit, die wir brauchen. Das ist Unabhängigkeit.“ Immer wieder stellte Sterner die Energiewende als Sicherheits- und Freiheitsprojekt dar – weniger als reine Klimapolitik.
Scharfe Kritik – und manche Vereinfachung
Der Professor zeigte sich an diesem Abend nicht nur als Wissenschaftler, sondern auch als politischer Akteur. Dabei sparte er nicht mit Kritik an Regierungen, Parteien, Kirchen, Medien und Bildungseinrichtungen. Manche seiner Formulierungen waren bewusst zugespitzt, einige Aussagen gerieten pauschal. So kritisierte er die Berichterstattung großer Medien ebenso wie politische Entscheidungsprozesse in Berlin. Dort gehe es oft weniger um Lösungen als um Machtkämpfe. „Berlin ist ungefähr so, wie man sich die Hölle vorstellt“, sagte der Regierungsberater. Auch an Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche ließ er kein gutes Haar. Ihre Energiepolitik sei „eine Katastrophe“. Viele Zuhörer quittierten solche Aussagen mit zustimmendem Nicken. Andere dürften sich gefragt haben, ob manche Urteile nicht zu pauschal ausfielen. Allerdings kennt das Publikum Sterner seit Jahren auch als präzisen Wissenschaftler. Seine Zuspitzungen wurden deshalb vielfach als rhetorisches Stilmittel verstanden.
„Atomkraft? Eine Sackgasse“
Besonders deutlich wurde Sterner beim Thema Kernenergie. Eine Renaissance der Atomkraft sei „ein Krampf“, urteilte er. Atomstrom sei teuer, mit ungelösten Endlagerfragen belastet und keineswegs die schnelle Antwort auf die Klimakrise. Neubauten dauerten viele Jahre und verschlängen stets mehr Milliarden als kalkuliert. Auch die von Ministerpräsident Markus Söder ins Spiel gebrachten Mini-Atomkraftwerke bezeichnete Sterner als Irrweg. Seine rhetorische Frage blieb im Raum stehen: „Welcher Bürgermeister oder welcher Landrat stellt freiwillig Flächen für ein Atomkraftwerk oder ein Endlager zur Verfügung?“
Selten ist das Gasthaus Knott in Jacking so voll. 240 Besucher kamen zur Geburtstagsfeier mit dem Festvortrag von Michael Sterner,
der 90 Minuten lang wie ein Entertainer die Zuhörer unterhielt, aber auch informierte.
Klimakrise, Migration und Müll
Sterner sprach über den Treibhauseffekt, die Klimakrise und deren globale Folgen. Dass naturwissenschaftliche Zusammenhänge geleugnet würden, sei für ihn Ausdruck mangelnden Wissens über Naturgesetze. „Natur ist nicht verhandelbar.“ Er verwies auf die Zusammenhänge zwischen Klimaveränderungen, Lebensbedingungen und Migration. Gleichzeitig rief er dazu auf, demokratisch aktiv zu bleiben und demokratisch zu wählen. Anschaulich wurde er beim Thema CO2. Während jeder Deutsche rund 187 Kilogramm Hausmüll pro Jahr produziere, verursache er gleichzeitig neun Tonnen CO2. Würde man diesen Ausstoß in Mülltonnen verpacken, stünden nicht eine, sondern rund 50 Tonnen vor jedem Haus.
Die Energiewende beginnt vor der Haustür
Am Ende wurde Sterner wieder ganz praktisch. Jeder könne etwas beitragen: Photovoltaik, Batteriespeicher, Wärmepumpe, Elektroauto oder schlicht weniger Energieverbrauch. Hausspeicher seien auf dem Vormarsch. Die Technik sei vorhanden. Auch beim Flächenverbrauch räumte er mit verbreiteten Vorurteilen auf. Für Photovoltaikanlagen werde in Deutschland nicht mehr Fläche benötigt als für Golfplätze oder Weihnachtsbaumkulturen. Wind und Sonne ergänzten sich ideal, sagte Sterner. Entscheidend seien Speicher, intelligente Stromzähler und regionale Wertschöpfung. Die Energiewende funktioniere vor allem dann, wenn möglichst viel Energie vor Ort erzeugt und genutzt werde.
Geburtstagslied mit der Quetsche
Nach eineinhalb Stunden Vortrag war die Aufmerksamkeit im Saal zwar noch vorhanden, die Unruhe aber spürbar gewachsen. Die Fragerunde litt darunter. Als eine Besucherin erklärte, sie wolle keinen Wechselrichter im Haus, weil dessen Strahlung gesundheitsschädlich sei, antwortete Sterner nüchtern: Ein Handy strahle deutlich stärker als ein Wechselrichter. Außerdem werde niemand einen Wechselrichter direkt über dem Bett montieren. Zum Schluss griff der Professor überraschend zur Quetsche, seinem Akkordeon. Gemeinsam mit den Gästen stimmte er ein Ständchen für die Jubiläumsplattform an. Die letzte Botschaft des Abends klang fast wie eine Predigt: „Fürchtet euch nicht.“ Liebe, Hoffnung und Zuversicht sollten stärker sein als Angst und Hetze, sagte Sterner. Ein Satz, der gut zu einem Verein passt, der vor 25 Jahren mit dem Verhindern begann – und heute vor allem gestalten will.
11.03.2026: Professor Volker Quaschning zur Kehrtwende bei Kernenergie
EU-Kommissionspräsidentin von der Leyen hat die Abkehr von der Atomenergie als Fehler bezeichnet. Experte Quaschning sieht das anders: "Wir können in Deutschland eigentlich gar keine Kernkraftwerke mehr sinnvoll ins Netz integrieren."
Die EU macht eine Kehrtwende und setzt wieder auf Atomenergie. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen bezeichnete die Abkehr in Europa als "strategischen Fehler" - auch angesichts des Krieges in Nahost.Volker Quaschning, Professor für Regenerative Energiesysteme an der HTW Berlin, hält den Ausstieg Deutschlands aus der Kernenergie hingegen für folgerichtig und konsequent. "Die Technologie ist sehr teuer und riskant", sagt er im Interview mit tagesschau24. "Diese Suggestion, dass wir jetzt eine große Renaissance der Kernenergie haben, das ist ja gar nicht der Fall."Die sechs Kernkraftwerke, über in Deutschland am Ende noch gestritten wurde, hatten laut Quaschning nur einen Anteil von drei Prozent am Gesamtenergieaufkommen. "Diese drei Prozent würden uns bei der aktuellen Öl- und Gaskrise kein bisschen weiterhelfen." Um einen nennenswerten Anteil zu erreichen, müssten ihm zufolge in Deutschland 50 bis 100 neue Kernkraftwerke gebaut werden. "Da möchte ich den oder die Politikerin mal sehen, die in die Landkreise fahren und das vor Ort vermitteln. Das ist eine reine Illusion."
Selbst Frankreich, das Atomenergie-Bestreben in der EU maßgeblich mit vorantreibt, habe "kein wirkliches Konzept". Über 50 Reaktoren seien schon 40 Jahre alt, nun sei der Bau von sechs Kernreaktoren bis 2038 geplant. Aber Quaschning sagt: "Man weiß gar nicht, wie man die restlichen ersetzen will."Die EU will deshalb nun Mini-Atomreaktoren fördern, die in großen Stückzahlen günstiger werden sollen. Aber Quaschning ist skeptisch: "Die Kernenergie ist heute dreimal so teuer wie Solar- und Windenergie. Warum sollte das bei kleineren Reaktoren funktionieren, da sehe ich keine großen Kostenvorteile."
Kernkraftwerke liefern rund um die Uhr Strom - würden sie also tagsüber betrieben, "müssten wir die Solarenergie abregeln", so der Experte. "Das sind also die technologisch vollkommen falschen Anlagen." Nach der Meinung des Professors ist ein sinnvoller Schritt stattdessen die Weiterentwicklung von Speichern, um überschüssige Solarenergie aus dem Tag in die Nacht zu bringen.Quaschning sieht deshalb einen "point of no return" erreicht: "Das heißt, wir können in Deutschland eigentlich gar keine Kernkraftwerke mehr sinnvoll ins Netz integrieren."
Volker Quaschning ist ein deutscher Ingenieurwissenschaftler und Professor für Regenerative Energiesysteme an der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Berlin